Schweiz: Frühe Selektion in der Schule - Pro und Contra
In einem Ländervergleich hat der «Verband der Deutschschweizer Schulleiterinnen und Schulleiter» (VSLCH) festgestellt, dass die Selektion in der Schule in der Schweiz sehr früh beginnt, und zwar mit 12 bis 13 Jahren.
Im folgenden Beitrag stellen wir den Ländervergleich vom «Verband der Deutschschweizer Schulleiterinnen und Schulleiter» (VSLCH) vor und listen die Pro-Argumente sowie die Contra-Argumente bezüglich der frühen Selektion in der Schule auf.
Jetzt Gymivorbereitungskurs beginnen!
Das Wichtigste in Kürze:
|
Inhaltsverzeichnis
- Ländervergleich vom «Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz» (VSLCH)
- Pro-Argumente: Für frühe Selektion in der Schule
- Contra-Argumente: Gegen frühe Selektion in der Schule
- Fazit
Ländervergleich vom «Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz» (VSLCH)
Der Ländervergleich zur frühen Selektion in der Schule vom «Verband der Deutschschweizer Schulleiterinnen und Schulleiter» (VSLCH) wurde im Juli 2026 im Tagesanzeiger publiziert, und zwar unter dem reisserischen und abfälligen Titel «Die Schweiz sortiert Schulkinder so früh aus wie kaum ein anderes Land». Reisserisch und abfällig deswegen, weil Kinder keine Waren sind, die man wie faules Obst aussortiert; vielmehr werden die Kinder für den jeweiligen Schultyp bzw. den jeweiligen Sek-Leistungszug ausgewählt.
Aus dem Tagi-Artikel wird leider nicht klar, wieso circa 45 Länder aus aller Welt für den Ländervergleich vom VSLCH ausgewählt wurden und wieso genau diese Länder. Teilweise handelt es sich um EU-Länder (aber nicht alle), teilweise um OECD-Länder (auch nicht alle); im Groben und Ganzen aber gibt es kein Merkmal, das alle verglichenen Länder eint. Insofern erscheint die Zusammenstellung willkürlich. Auch auf der Website vom VSLCH findet man keine weiteren Angaben zu den genauen Hintergründen des Ländervergleichs.
Immerhin befinden sich viele Länder Mitteleuropas unter den verglichenen Ländern, insbesondere die Nachbarländer der Schweiz. Ausserdem sind auch wichtige weitere Industrienationen vertreten, wie die USA, Kanada, Australien und China. Von den BRIC-Ländern fehlt aber zum Beispiel Russland.
Im Vergleich dieser circa 45 Länder beginnt die Selektion in der Schule in der Schweiz mit 12 bis 13 Jahren während der 6. Primarklasse sehr früh, wobei dies von Kanton zu Kanton unterschiedlich ist.
Einer derjenigen Kantone, die am stärksten in der Schweiz selektieren, ist der Kanton Zürich. Denn bereits in der 6. Primarklasse findet die erste Selektion statt, wenn es um die Frage geht, wer ans Langgymnasium gehen darf und wer an die Sekundarschule muss, wobei sich bei Letzterer noch die Frage stellt, in welchen Leistungszug bzw. welche Abteilung man eingeteilt wird: A oder B (in manchen Gemeinden auch C).
In der folgenden Tabelle können Sie die Ergebnisse des Ländervergleichs vom «Verband der Deutschschweizer Schulleiterinnen und Schulleiter» (VSLCH) in Bezug auf die erste Selektion in der Schule nachlesen:
| Bildungssystem | Erste Selektion |
| Deutschland | ≤12 Jahre |
| Österreich | ≤12 Jahre |
| Niederlande | ≤12 Jahre |
| Belgien | ≤12 Jahre |
| Luxemburg | ≤12 Jahre |
| Singapur | ≤12 Jahre |
| Schweiz | 12–13 Jahre |
| Frankreich | 14–16 Jahre |
| Italien | 14–16 Jahre |
| Portugal | 14–16 Jahre |
| Polen | 14–16 Jahre |
| Griechenland | 14–16 Jahre |
| Türkei | 14–16 Jahre |
| Mexiko | 14–16 Jahre |
| Brasilien | 14–16 Jahre |
| Chile | 14–16 Jahre |
| Kolumbien | 14–16 Jahre |
| Japan | 14–16 Jahre |
| Südkorea | 14–16 Jahre |
| China | 14–16 Jahre |
| Hongkong | 14–16 Jahre |
| Taiwan | 14–16 Jahre |
| Indien | 14–16 Jahre |
| Philippinen | 14–16 Jahre |
| Malaysia | 14–16 Jahre |
| Indonesien | 14–16 Jahre |
| Thailand | 14–16 Jahre |
| Vietnam | 14–16 Jahre |
| Israel | 14–16 Jahre |
| Vereinigte Arabische Emirate | 14–16 Jahre |
| Jordanien | 14–16 Jahre |
| Südafrika | 14–16 Jahre |
| Ghana | 14–16 Jahre |
| Kenia | 14–16 Jahre |
| Nigeria | 14–16 Jahre |
| Spanien | ≥15/16 Jahre |
| Finnland | ≥15/16 Jahre |
| Schweden | ≥15/16 Jahre |
| Norwegen | ≥15/16 Jahre |
| Dänemark | ≥15/16 Jahre |
| Irland | ≥15/16 Jahre |
| Kanada | keine formale Selektion |
| USA | keine formale Selektion |
| Australien | keine formale Selektion |
| Neuseeland | keine formale Selektion |
| Vereinigtes Königreich | keine formale Selektion, mit Ausnahme der sprachlichen Fächer mit 11 Jahren |
Quelle: VSLCH und nationale Schulbehörden
Pro-Argumente: Für frühe Selektion in der Schule
Vom VSLCH wird die frühe Selektion in der Schule kritisiert. Das sehen aber nicht alle so. Zunächst führen wir die Pro-Argumente auf, die für eine frühe Selektion in der Schule sprechen.
Staatsausgaben für Bildung gering halten
Ursprünglich wollte man durch die frühe Selektion in der Schule die Staatsausgaben für die Bildung möglichst gering halten. Im Kampf um die raren Plätze am Gymnasium hatten es in diesem System bessergestellte Familien einfacher, da sie durch gezielte Unterstützung ihrer Kinder und bezahlte Nachhilfe dafür sorgen konnten, dass auch weniger intelligente Kinder ans Gymnasium kamen.
Aus den unteren Schichten konnten in der Regel nur die superintelligenten Kinder weiter kommen, weil diese es auch ohne bezahlte Unterstützung ans Gymnasium schafften.
Erst die grosse Maturitätsreform hat das System etwas aufgeweicht. In der Folge wurden mehr Plätze an den Gymnasien geschaffen, bzw. mehr Kantonsschulen mit Gymnasium gebaut. Somit konnten auch mehr Kinder aus unteren Schichten ans Gymnasium gehen, womit die Chancengleichheit bei der Bildung in der Schweiz erhöht wurde.
Unterricht homogener Leistungsgruppen effektiver
Die frühe Selektion in der Schule wird teilweise damit verteidigt, dass man die Schüler dadurch bestimmten Leistungsniveaus zuordnen könne, welche dann aufgrund ihrer Homogenität effektiver unterrichtet werden könnten. Dies auch deshalb, weil man innerhalb des jeweiligen Leistungsniveaus besser auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Schüler eingehen könne.
Am besten in 4. Klasse mit Gymivorbereitung beginnen!
Contra-Argumente: Gegen frühe Selektion in der Schule
Diejenigen, die an der frühen Selektion in der Schule Kritik üben, bringen unter anderem folgende Contra-Argumente vor.
Frühe Selektion fällt mitten in Pubertät und benachteiligt Spätentwickler
Ein starkes Argument gegen die frühe Selektion von 12- und 13-Jährigen in der Schule ist, dass diese Selektion in die Pubertätsphase dieser Schüler fällt, also in eine Zeit, in der sich diese Schüler noch in der Entwicklung befinden. Eine solch frühe Selektion berge daher ein erhebliches Risiko für Fehleinschätzungen, wie etwa der VSLCH behauptet, der eine Selektion ab 15 Jahren fordert, wenn die kognitive, emotionale und soziale Basis stabiler sei.
In der Pubertätszeit finden die grössten hormonellen Veränderungen des Menschen statt, und zwar sowohl im Kopf als auch im Körper. Fähigkeiten, die man fürs Gymnasium benötigt, wie das abstrakte und analytische Denken, werden ausserdem erst in der Pubertät ausgebildet. Schon deswegen sollte man die Selektion in der Schule auf den Alterszeitraum 15 bis 17 Jahre verschieben.
Ausserdem verläuft die Entwicklung bei jedem Kind anders. Es gibt auch frühreife und spätreife Kinder, wobei Letztere beim Selektionsprozess im Alter von 12 bis 13 Jahren systematisch benachteiligt werden.
Das ist auch ein verfassungsrechtliches Problem. Denn in Artikel 11 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft steht:
«Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf besonderen Schutz ihrer Unversehrtheit und auf Förderung ihrer Entwicklung.»
Genau dieser verfassungsrechtliche Anspruch auf Förderung ihrer Entwicklung wird den Kindern verwehrt, wenn man sie bereits vor der Möglichkeit, sich zu entwickeln, auf einen bestimmten Schulzweig bzw. Sek-Leistungszug festlegt.
Enormer Stress für die Kinder
Die Kinder werden durch die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium in der 6. Primarklasse enormem Stress ausgesetzt, der langfristige negative Folgen haben kann. Zumal Kinder ihre Freizeit nicht ausschliesslich mit Lernen verbringen sollten, sondern sich auch mit Freunden treffen und Hobbys nachgehen sollten. Dies wird aber während der Vorbereitung auf die Gymiprüfung stark vernachlässigt.
Einmal eingeteilt, bleiben die meisten darauf festgelegt
Wer einmal für einen bestimmten Sek-Leistungszug eingestuft wurde, also zum Beispiel Sekundarschule Abteilung A, bleibt in der Regel auf diesen Leistungszug festgelegt. Über 80 Prozent der Schüler wechseln nicht mehr aus der einmal erfolgten Einteilung, selbst wenn sich die Leistungen in der Sekundarschule verbessern.
Viele scheuen etwa den Wechsel des sozialen Umfeldes, den der Wechsel in eine andere Klasse bedeuten würde.
Talentverschwendung führt zu Wohlstandsverlust
Durch die frühe Selektion in der Schule gehen der Schweiz jedes Jahr tausende Talente verloren. Das führt dazu, dass der Wirtschaft später wichtige Fachkräfte fehlen, was in Zeiten des Fachkräftemangels besonders schädlich für die Wirtschaft ist und zu Wohlstandsverlusten in der Schweiz führt. Schätzungen gehen von Einbussen in Höhe von 30 Milliarden Schweizer Franken pro Jahr aus.
Würde die Selektion später erfolgen, könne man Talente länger fördern. Ausserdem hätte eine Studie gezeigt, dass bei späterer oder gar keiner Selektion gerade die für die Wirtschaft so interessanten MINT-Berufe 15 Prozent öfter absolviert würden.
Frühe Selektion zementierte die Hierarchie der Gesellschaft
Früher wollte man mit der frühen Selektion die Staatsausgaben niedrig halten und hatte die raren Plätze fürs Gymnasium vor allem den Kindern aus den wohlhabenden Schichten zugedacht. Wer es nicht allein aufs Gymnasium schaffte, bekam von Eltern und bezahlten Privatlehrern Unterstützung. Die anderen Schulzweige waren für die weniger wohlhabenden Schichten gedacht. Nur sehr intelligente Schüler aus den unteren Schichten haben es ebenfalls aufs Gymnasium geschafft, da sie auf keine Hilfe von Eltern oder Privatlehrern angewiesen waren.
In diesem System zementierte die frühe Selektion in der Schule also die hierarchische Stratifizierung der Gesellschaft in Ober-, Mittel- und Unterschicht bzw. Adel, Bürgertum sowie Arbeiter- und Bauernklasse. Zugleich haben die superintelligenten Kinder aus der Unterschicht die durchschnittlichen Kinder aus den privilegierten Schichten mitgezogen, wodurch die Schulen trotzdem noch ein hohes Niveau erreichten.
Heute gibt es nach der grossen Maturitätsreform im Jahr 1968 wesentlich mehr Gymnasien, was deutlich mehr Kinder aus unteren Schichten ans Gymnasium gebracht hat. Ausserdem gibt es heutzutage nicht nur die Möglichkeit, auch noch von der Sekundarschule ans Kurzgymnasium zu wechseln, sondern etwa über die Berufsmaturität und die Passerelle-Ergänzungsprüfung auch ohne gymnasiale Maturität an die Universität oder ETH zu gelangen.
Obwohl es heute also immer noch eine frühe erste Selektion in der 6. Primarklasse gibt, wird die Hierarchie der Gesellschaft damit nicht mehr derart zementiert wie vor den Maturitätsreformen der 1960er und 1970er Jahre.
Lesen Sie in diesem Zusammenhang unseren Artikel «Das duale Bildungssystem der Schweiz bietet Chancen - aber nicht für alle».
Fazit
Insgesamt überwiegen die Contra-Argumente, also die Argumente gegen eine frühe Selektion in der Schule.
Es gibt auch bereits Kantone, die in die richtige Richtung gehen, was die Selektion in der Schule anbelangt. Im Kanton Wallis etwa folgt auf die Primarschule zunächst eine dreijährige Orientierungsschule für alle. Ein Wechsel ans Gymnasium ist erst nach dem 2. oder 3. Jahr der Orientierungsschule möglich.
Die kürzlich diskutierte Abschaffung des Langgymnasiums im Kanton Zürich wurde zwar vom Kantonsrat Zürich abgelehnt. Aber eine solche Abschaffung des Langgymis hätte zur Folge, dass erst gegen Ende der Sekundarschule selektiert würde, wer ans Gymnasium geht und wer nicht. Ausserdem würde die Sekundarschule insgesamt gestärkt, wenn auch die leistungsstarken Schüler, die sonst ans Langgymnasium gingen, nun in die Sek gehen müssten.
Jetzt über Gymivorbereitung informieren!
Bewerten Sie unseren Artikel:
Quellen
- Gymivorbereitung Zürich - Potenzial nicht dem Zufall überlassen (zuletzt aufgerufen: 28.7.2026)
- Die Schweiz sortiert Schulkinder so früh aus wie kaum ein anderes Land (zuletzt aufgerufen: 28.7.2026)
- Chancengleichheit Bildung Schweiz (zuletzt aufgerufen: 28.7.2026)
- Gymivorbereitung 4. Klasse - das volle Potenzial des Kindes entfalten (zuletzt aufgerufen: 28.7.2026)
- Fördern statt filtern (zuletzt aufgerufen: 28.7.2026)
- «Wir verschwenden so viel Potenzial» (zuletzt aufgerufen: 28.7.2026)
- Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (zuletzt aufgerufen: 28.7.2026)
- Das duale Bildungssystem der Schweiz bietet Chancen - nicht für alle (zuletzt aufgerufen: 28.7.2026)
- Gymnasium-Dauer: Wie lange dauert Gymnasium in der Schweiz? (zuletzt aufgerufen: 28.7.2026)
- Kantonsrat Zürich, Geschäft 295/2024, Abschaffung Langzeitgymnasium – Stärkung der Volksschule (zuletzt aufgerufen: 28.7.2026)
Copyright bei Lern- und Sprachsysteme Mühlebach AG
Ist Schweizer Matura schwieriger als deutsches Abitur?
Hier in unserem Vergleich finden Sie die Antwort, ob Schweizer Matura oder deutsches Abitur schwerer ist und was der Unterschied zwischen Matura und Abitur ist.
15 Schwerpunktfächer am Gymnasium ab 2029/2030 Kanton Zürich
Fünfzehn Schwerpunktfächer am Gymnasium im Kanton Zürich ersetzen ab dem Schuljahr 2029/2030 die bisherigen 13 Schwerpunktfächer und 6 Maturitätsprofile.
Neues Gymnasium in Zürich: «Kantonsschule Aussersihl» (KAS)
Zürich-West erhält mit Verselbständigung der Filiale Hohlstrasse zur «Kantonsschule Aussersihl» (KAS) ein neues Gymnasium und eine neue Fachmittelschule (FMS).
Gymiquote Zürich wird seit 2007 vom Kanton gesteuert
Die Gymiquote im Kanton Zürich wird von der Bildungsdirektion Zürich gesteuert, und zwar über die Bestehensquote mit Hilfe verschiedener Steuerungs-Mechanismen.
Vorbereitungs-Institute alarmiert: Sek-Schüler können nichts
Prüfungsvorbereitungs-Institute wie das Lern-Forum alarmiert: Sek-Schüler haben dramatische Wissenslücken in Mathematik Sek 1 und im Französisch-Wortschatz.
Resultate Gymiprüfung 2026 im Kanton Zürich
Resultate der Gymiprüfung 2026, Mitte Mai 2026 vom Kanton Zürich veröffentlicht; Statistik ZAP-Ergebnisse für FMS, HMS, IMS und BMS ebenfalls bekannt gegeben.
Gymnasium-Dauer: Wie lange dauert Gymnasium in der Schweiz?
Gymnasium-Dauer ist vom Kanton abhängig; wie lange das Gymnasium in der Schweiz dauert, nicht pauschal beantwortbar; hier die Auflistung nach Kantonen.
Schulsystem Aargau - einfach erklärt
Schulsystem Aargau (Bildungssystem Aargau) einfach erklärt: Grundstruktur, einzelne Schulstufen, Schultypen, Abschlüsse; Kindergarten bis Tertiärstufe.
Multicheck Gateway als Vorprüfung zur IMS
Für Zulassung zur IMS-Prüfung akzeptiert Kanton Zürich nur einen einzigen Eignungstest, nämlich den Multicheck vom privaten Anbieter Gateway; wie kann das sein?
Für beste Gymivorbereitung ist Geld nicht ausschlaggebend
Für beste Gymivorbereitung im Kanton Zürich ist nicht Geld ausschlaggebend, sondern Vielzahl von Faktoren, darunter Erziehung, Motivation, Struktur, Leistung.









