Abschaffung Gymiprüfung: Kantonsrat Zürich lehnt Vorstoss ab
Immer wieder wird im Kanton Zürich diskutiert, ob man die Gymiprüfung abschaffen sollte. Im Jahr 2013 verlangten die Grünen, SP und EVP im Zürcher Kantonsrat durch eine parlamentarische Initiative ohne Erfolg die Abschaffung von allen Aufnahmeprüfungen zum Gymnasium.
Im Jahr 2020 wollte eine Initiative der SP zumindest die Aufnahmeprüfung zum Kurzgymnasium abschaffen, also die Gymiprüfung für Sekundarschüler. Aber auch diese Initiative scheiterte.
Nun, im März 2026, gab es erneut einen Vorstoss in Richtung Gymiprüfung abschaffen, und zwar von Vertretern der Parteien Grüne, SP und AL. Sie forderten von der Zürcher Kantonsregierung einen Bericht zu den Auswirkungen der Abschaffung der Gymiprüfung bzw. zu der Einführung eines prüfungsfreien Wechsels ans Gymnasium. Es sollte unter anderem ein Vergleich mit Kantonen erfolgen, in denen es keine Gymiprüfung gibt. Aber der Zürcher Kantonsrat hat den neuen Vorstoss am 9. März 2026 abgelehnt.
Welche Pro- und Contra-Argumente es in Bezug auf das Abschaffen der Gymi-Aufnahmeprüfungen gibt und welche Faktoren eine solche Abschaffung der Gymiprüfung in Zukunft wahrscheinlicher machen werden, erfahren Sie im folgenden Artikel.
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Inhaltsverzeichnis
- Pro und Contra Abschaffung Gymi-Aufnahmeprüfung
- Diese Faktoren machen Abschaffen der Gymiprüfung wahrscheinlicher
Pro und Contra Abschaffung Gymi-Aufnahmeprüfung
Die Diskussion um die Abschaffung der Gymiprüfung ist durch eine Vielzahl von Argumenten geprägt. Im Folgenden haben wir viele dieser Argumente, die zum Teil auch im Kantonsrat Zürich vorgebracht wurden, aufgelistet.
Pro-Lager: Argumente für die Abschaffung der Gymiprüfung
Das Hauptargument im Pro-Lager, also im Lager derjenigen, die die Gymiprüfung abschaffen wollen, ist, dass es wegen der Gymiprüfung keine Chancengleichheit bzw. Chancengerechtigkeit unter den Schülern gäbe. Danach würde die Gymi-Aufnahmeprüfung die Zugangschancen verzerren und Kinder benachteiligen, die aus bildungsfernen Familien kämen. So würde zum Beispiel ein hoher Anteil der Langzeitgymnasiasten aus Wohnorten kommen, in denen bildungsnahe Familien lebten, also die Eltern häufig Akademiker seien.
Lesen Sie als Hintergrund-Information auch unseren Artikel «Chancengleichheit oder Chancenungleichheit in der Bildung?».
Ein weiteres Argument für die Abschaffung der Gymiprüfung ist, dass die Übertrittsprüfung ans Gymnasium Kinder aus Familien benachteiligen würde, die nicht genug Geld zur Verfügung hätten, um die privaten Vorbereitungskurse fürs Gymnasium zu bezahlen. Bis heute wird die Durchführung privater Vorbereitungskurse insbesondere vom linken Lager als «Vorbeitungsindustrie» kritisiert. Diesen Vorwurf hat Livia Knüsel (Grüne), eine der Beteiligten am kürzlich gemachten Vorstoss, im März 2026 erneut vorgebracht.
Ein Argument, um die Gymi-Aufnahmeprüfung abzuschaffen, ist auch, dass Zürcher Studenten, die einst die Gymiprüfung machen mussten, an der Universität nicht leistungsstärker seien als Studenten aus dem Aargau, aus Luzern oder aus dem Kanton Basel-Landschaft, in denen der Übertritt ans Gymnasium prüfungsfrei sei.
Die Gegner einer Gymiprüfung argumentieren ausserdem, dass es für die Zwölfjährigen und deren Familien ein unnötiger Stress sei, wenn die Kinder monatelang für die Gymiprüfung lernen müssten. Diesen Kindern würde kostbare Freizeit verloren gehen. Auch beim Vorstoss im März 2026 wurde das Stress-Argument von den Gegnern der Gymiprüfung vorgebracht.
Für die Abschaffung der Aufnahmeprüfung zum Gymnasium wird ferner ins Feld geführt, dass die Gymiprüfung zu viel Prüfungsangst erzeuge und Druck auf die Kinder ausübe. Es wäre im Übrigen ein Stück weit Glück, ob man die Prüfung bestehen würde, weil die Prüfungsergebnisse stark von der Tagesform des Prüfungskandidaten abhängen würden. Im Grunde sei die Gymiprüfung nur eine Momentaufnahme und sage nichts über das tatsächliche Potential des jeweiligen Schülers aus. In diesem Zusammenhang wird die Gymiprüfung von deren Gegnern auch als Systemfehler bezeichnet. Die Gymiprüfung sei nicht mehr zeitgemäss. Ausserdem gebe es auch noch eine Probezeit am Gymnasium, so Livia Knüsel (Grüne).
Im März 2026 wurde von den Gegnern der Gymiprüfung ausserdem argumentiert, dass die zentrale Aufnahmeprüfung zum Gymnasium hohe Kosten verursache, die vom Kanton und den Gemeinden zu tragen seien. Allein für die Vorbereitung, Durchführung und Korrektur der Gymiprüfungen würden jedes Jahr 34'000 Arbeitsstunden anfallen.
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Contra-Lager: Argumente gegen die Abschaffung der Gymiprüfung
Eines der Hauptargumente der Gegner der Abschaffung der Gymiprüfung ist, dass sonst hunderte zusätzliche Schüler in die Zürcher Gymnasien strömen würden. Die Gymnasien könnten einen solchen Andrang jedoch gar nicht stemmen.
Gegen die Abschaffung der Gymi-Aufnahmeprüfung spreche auch, dass ein System ohne Gymiprüfung, in welchem der Übertritt ans Gymnasium stattdessen einzig von dem schulischen Notendurchschnitt und der Entscheidung der Lehrperson abhängig gemacht würde, selbst ungerecht sei. Denn der Lehrperson würde eine zu grosse Macht eingeräumt, um über das Schicksal des jeweiligen Schülers zu entscheiden. Statt einer objektiven Bewertungsmethode, würde die Gefahr einer subjektiven Entscheidungentstehen, wonach nicht immer nur die Leistungen bewertet würden, sondern etwa auch Sympathien eine Rolle spielen würden. Ferner bestünde die Gefahr, dass Lehrpersonen dem Druck der Eltern nachgäben und den Übertritt ans Gymnasium empfehlen würden, obwohl der jeweilige Schüler gar nicht für das Gymnasium geeignet sei. Dies würde ein Absinken des Niveaus am Gymnasium zur Folge haben, was weder im Interesse der Universitäten noch im Interesse der Schüler sei.
Befürworter der Gymiprüfung können ausserdem argumentieren, dass es bereits heute an den meisten Volksschulen eine kostenlose Gymivorbereitung gibt.
Der Zürcher Regierungsrat begründet sein Festhalten an den Aufnahmeprüfungen zum Gymnasium damit, dass das Zürcher Übertrittsverfahren besonders effizient und fair sei. Das habe eine aktuelle wissenschaftliche Studie nachgewiesen, die von Prof. Dr. Franz Eberle (Universität Zürich) im Auftrag des Kantons Graubünden durchgeführt wurde, wo die Abschaffung der Gymiprüfung ebenfalls diskutiert wurde. In seinem Gutachten hatte Prof. Dr. Eberle geschrieben, dass ein Übertrittsverfahren zum Gymnasium, bei dem die Prüfungsnoten aus der Gymiprüfung und die Vornoten aus der Volksschule entscheidend seien, das beste Verfahren im Vergleich zu den anderen Verfahren sei, die es in anderen Kantonen der Schweiz gebe. Der Einfluss der sozialen Herkunft auf die schulische Laufbahn liesse sich laut Eberle mit keinem der kantonal verschiedenen aktuell praktizierten Aufnahmeverfahren verhindern.
Auch Prof. Dr. Urs Moser (Universität Zürich) hatte in einer Untersuchung festgestellt, dass das Zürcher Übertrittsverfahren zum Gymnasium gerecht sei. Die Resultate der Gymiprüfung hätten grösstenteils den Vornoten aus der Volksschule entsprochen. In einem Versuch, bei dem die Gymiprüfung mit einem Intelligenztest verbunden wurde, hätte sich ausserdem ergeben, dass diejenigen, die im Intelligenztest gut abschnitten, auch in der Gymiprüfung gut abgeschnitten hätten. Das zeige laut Prof. Dr. Moser, dass mit der Zürcher Gymiprüfung die Richtigen für das Gymnasium ausgewählt würden; also nicht nur die Fleissigen, sondern auch die Intelligenten.
Durch gute Vornoten sei es im Übrigen möglich, Ausrutscher am Tag der Gymiprüfung auszugleichen, so die Prüfungs-Befürworter, weshalb das Argument der Gegner der Gymiprüfung, diese sei tagesformabhängig, so nicht stimme.
Gegner der Abschaffung der Gymiprüfung argumentieren des Weiteren, dass die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium eine wichtige Zäsur sei, die den Eintritt in eine Schule markieren würde, die anspruchsvoller sei.
Man könne heute auch nicht mehr argumentieren, dass Kinder aus Akademiker-Haushalten einen Vorteil hätten, weil es dort eine grosse Bibliothek geben würde. Denn im Internet-Zeitalter hätten auch Kinder aus bildungsfernen Familien einen leichten Zugang zu Wissen.
Ein weiteres Argument gegen das Abschaffen der Gymiprüfung ist, dass mit einer solchen Abschaffung zwar die Vorbereitungskurse überflüssig würden. Allerdings sei davon auszugehen, dass stattdessen Vorbereitungskurse und Begleitkurse für die Gymi-Probezeit zunehmen würden.
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Im Lager der Gegner von der Abschaffung der Gymiprüfung wird ausserdem argumentiert, dass die Gymnasien wegen der viel höheren Schülerzahlen im Falle des Abschaffens der Gymiprüfung die in der Folge verursachten Kapazitätsprobleme dadurch lösen müssten, dass der Selektionsdruck während der Probezeit erhöht würde. Damit würden viele Schüler in der Probezeit wieder aus dem Gymnasium ausscheiden (Erhöhung der Dropout-Quote), was für die Schüler nicht fairer sei als die Selektion durch eine Gymiprüfung vor Eintritt ins Gymnasium.
Die Befürworter der Gymiprüfung werfen den Gegnern auch vor, sie wollten eine «selektionsfreie Schule» und die «Gleichschaltung aller Kinder». Diejenigen, die am jetzigen System festhalten wollen, befürchten ausserdem, dass die Abschaffung der Gymiprüfung zu mehr Schülern am Gymnasium führen würde, was die duale Bildung abwerten würde, insbesondere die Sekundarschule schwächen, die aktuell für alle Schüler - schwache wie starke - da sei. Das Gymnasium solle nur für die sehr begabten Schüler offen stehen.
Diese Faktoren machen Abschaffen der Gymiprüfung wahrscheinlicher
Angesichts der Tatsache, dass es mehrere wissenschaftliche Studien gibt, die das Zürcher Übertrittsverfahren ans Gymnasium mit seiner Mischung aus Vornoten und Gymiprüfung als gerecht und bestes Verfahren von allen möglichen Verfahrensarten wertet, ist es unwahrscheinlich, dass die Gegner der Gymiprüfung mit ihren Argumenten in naher Zukunft durchdringen.
Trotzdem gibt es Faktoren, die die Abschaffung der Gymiprüfung in der Zukunft wahrscheinlicher machen, wenn der Druck auf die Entscheidungsträger entsprechend steigt. Zum einen ist die Schülerzahl entscheidend. Sollten sich zukünftig nicht genügend Schüler finden, die die Plätze am Gymnasium füllen, wird man vermutlich nicht einfach Gymnasien abreissen und Gymnasiallehrer entlassen, sondern eher die Gymiprüfung abschaffen.
Ein anderer Faktor, der ein Abschaffen der Gymiprüfung wahrscheinlicher macht, ist das Problem, dass die Schweiz nicht genügend Akademiker ausbildet; insbesondere in den MINT-Fächern soll die Studentenzahl erhöht werden. Tendenziell benötigt die Schweiz also mehr Gymnasiasten. Kantone hingegen, in denen eine Gymiprüfung existiert, weisen eine tiefe Maturaquote auf. Um das Ziel einer höheren Gymiquote zu erreichen, könnten mehr Gymnasien gebaut werden bzw. die Plätze an den bestehenden Gymnasien - wo möglich - erhöht werden. Um diese zusätzlichen Gymnasial-Plätze zu füllen, könnte man dann versucht sein, die Gymi-Aufnahmeprüfung abzuschaffen.
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Quellen
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