Erst der Multicheck – dann die Bewerbung

Endlich ist es soweit. Der Schulabschluss steht kurz bevor und die meisten Schüler/innen haben ihren Berufswunsch bereits vor Augen und vielleicht auch die Firma, bei der sie gerne lernen und arbeiten möchten. In der Schweiz wurden im Jahre 2019 rund 213.600 Lehrverhältnisse angemeldet. Davon fielen fast 95 Prozent auf die beruflichen Grundbildungen mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis, kurz EFZ, wohingegen die beruflichen Grundbildungen mit Eidgenössischem Berufsattest (EBA) auf einen Anteil von nur 5 Prozent kamen.

Doch bevor der/die Schüler/in Bewerbungen aussenden kann, steht nochmals eine Hürde an: der Eignungstest!

Eignungstests setzen sich immer mehr durch

Anhand von Eignungstests sollen unterschiedliche Fähigkeiten geprüft werden, die für eine Lehrstelle relevant sind. Dabei geht es einerseits um kognitive Fähigkeiten wie auch das Schulwissen und andererseits um die Fähigkeit, logische Zusammenhänge zu erkennen und ein rasches Denkvermögen zu beweisen. Wenn in früheren Zeiten große Lehrbetriebe Eignungstests selbst durchgeführt haben, so hat sich das heute stark gewandelt. Immer mehr Lehrbetriebe nehmen Angebote von entsprechenden unabhängigen Firmen in Anspruch, da diese Tests auf die unterschiedlichsten Bedürfnisse einer Firma eingehen. Aber es können auch von Berufsverbänden Tests durchgeführt werden.

Als weiterführende Möglichkeit für Berufstätige, die eine Weiterbildung anstreben oder eine neue Karriere starten wollen, steht der Multicheck Professional zur Verfügung.

Wer bietet den Multicheck an?

Die wohl bekannteste unabhängige Firma – die Multicheck AG – bietet den sogenannten Multicheck, auch Multicheck Junior genannt, sowie Basic-check an. Gegründet wurde das schweizerische Unternehmen mit Sitz in Bern im Jahr 1996. Aktuell (Stand: 2020) führt die Multicheck AG pro Jahr über 30‘000 Eignungsanalysen durch. Große Unternehmen wie die Schweizerische Post, UBS, Migros und Credit Suisse gehören zu den Kunden, wie auch eine Vielzahl von Kleinfirmen und mittelständischen Unternehmen. Die Bedingung, dass ein Multicheck durchgeführt wird und ein Bestandteil einer Bewerbung sein muss, hat sich über die Jahre immer mehr durchgesetzt. Viele der Eignungstests wurden in Zusammenarbeit mit den großen Unternehmen entwickelt. Abgesehen von der Multicheck AG können Eignungstests auch bei der Nantys AG und Yousty AG durchgeführt werden.

GATEWAY bringt Unternehmen und Jugendliche zusammen

Im Jahr 2012 hat die Multicheck AG das Karriereportal GATEWAY ins Leben gerufen. Dieses Portal ist übergreifend und bietet Jugendlichen die Chance, Lehrstellen wie Ausbildungsunternehmen in der Schweiz und in Deutschland zu finden. Des Weiteren können mit einem Account kostenlos Unterlagen verwaltet, Bewerbungsunterlagen erstellt und Dokumente hochgeladen werden. Sinn und Zweck dieser Plattform ist es, Ausbildungsbetriebe und Lehrstellensuchende zusammenzubringen.

Neben diesen Leistungen versteht sich GATEWAY auch als Informationsdienst über den gesamten Ablauf eines Multichecks. So kann eine kostenlose Demoversion des Multichecks als Vorbereitung online durchgeführt werden.

Warum überhaupt ein Eignungstest?

Der Multicheck differiert zwischen den verschiedenen Berufsgruppen, sodass unterschiedliche Kenntnisse und Fähigkeiten effizient geprüft werden können. Während auf der Seite der Jugendlichen jedes Jahr ein Wettrennen um die besten Lehrstellen stattfindet, ist es für die Firmen auf der anderen Seite meist schwer, unter der Flut an Bewerbungen den richtigen Kandidaten bzw. die richtige Kandidatin auszuwählen. Ein Multicheck, der auf die speziellen Bedürfnisse eines Unternehmens sowie auf die Lehrstelle eingeht, soll dazu dienen, diese Entscheidung leichter zu treffen, da ein direkter Vergleich der erbrachten Leistungen von Bewerbern vorliegt.

Was wird geprüft?

Je nach Berufsfeld ist das Prüfungsverfahren nach Inhalt und Schwierigkeitsgrad unterschiedlich aufgebaut. Die Berufe gliedern sich in neun Gruppen auf:

  • Attest Eidgenössisches Berufsattest (EBA)
  • Beauty
  • Detailhandel / Service
  • Gesundheit / Bildung / Soziales
  • Gewerbe
  • Informations- und Kommunikationstechik (ICT)
  • Kaufmann / Kauffrau
  • Media / Design
  • Technische und handwerkliche Berufe

Geprüft wird in der Regel der erworbene Wissenstand nach dem Lehrplan der 8. Klasse, also das Schulwissen, aber auch kognitive Fähigkeiten. Deutsch (Grammatik, Leseverständnis, Rechtschreibung), Mathematik (Grundlagen), Fremdsprachen (Französisch oder Englisch, wenn erforderlich) und Allgemeinwissen (Wirtschaft, Sozialkunde, Geografie, Geschichte, Naturwissenschaften) werden in allen Berufsgruppen geprüft.

Es gibt aber auch Unterschiede bei den einzelnen Berufsgruppen. Bei Berufen in der Verwaltung, Wirtschaft, Bildung oder Soziales etc. ist ein Deutsch auf höherem Niveau sowie die Ausdrucksfähigkeit in schriftlicher und mündlicher Form wichtig. Im kaufmännischen Bereich wird zudem neben Englisch eine zweite Fremdsprache (Französisch oder Italienisch) verlangt.

In der Informatik, Elektrotechnik, Planung, Konstruktion und auf dem Bau werden sehr gute mathematische Kenntnisse, Logik und praktische Intelligenz vorausgesetzt. Somit liegt der Fokus auf diesen Aufgabengebieten.

Im Bildungs- und Sozialbereich kommt es auf den Umgang mit Menschen an sowie die Gabe, sich mündlich gut zu verständigen. Kreativität sowie Vorstellungskraft werden in künstlerischen und Design-orientierten Berufen gefordert. Ein guter Sinn und Grundwissen für und über Formen und Farben sind schliesslich Voraussetzungen im Beauty-Bereich.

Zusätzlich werden aber auch Textverständnis, logisches Denken, Konzentrationsfähigkeit, räumliches Vorstellungsvermögen, Merkfähigkeit, Wahrnehmung, berufsbezogenes Grundlagenwissen und die Fähigkeit schneller Entscheidungen geprüft. Ebenfalls werden bei einigen Berufsgruppen Persönlichkeitstests gefordert, um die Motivation, die Kontaktfähigkeit und eine Lernbereitschaft zu prüfen.

Prüfungsverfahren

Der Multicheck wird online gebucht und kann vom Datum her frei gewählt werden. Kurz vor der Bewerbungsphase werden pro Woche mehrere Tests zu unterschiedlichen Tagen und Zeiten angeboten. Die Kosten für den Multicheck betragen je nach Berufsgruppe von 50 bis 100 CHF, die von den Jugendlichen getragen werden.

Durchgeführt wird der Multicheck in der Regel vollständig am Computer. Bei gewissen Aufgaben dürfen jedoch Notizen auf einem Blatt Papier aufgeschrieben werden. Weitere Hilfsmittel, wie beispielsweise ein Taschenrechner oder Wörterbuch, dürfen jedoch über den gesamten Test hinweg nicht verwendet werden. Bei Aufgaben, die komplexere Berechnungen erfordern, wird ein elektronischer Taschenrechner auf dem Bildschirm zur Verfügung gestellt. Insgesamt dauert die gesamte Eignungsanalyse zwei bis maximal vier Stunden.

Prüfungen in standardisierter Testumgebung dieser Art müssen in einem von über 30 Testcentern in der Schweiz absolviert werden. Hierbei finden sich viele Testkandidaten/innen gleichzeitig im Testcenter ein. Aufsichtspersonen werden für Fragen während des Tests zur Verfügung gestellt. Zudem kann der Lehrbetrieb einen individuellen Eignungstest verlangen, beispielsweise als Bestandteil des Vorstellungsgesprächs oder eines Schnuppertages.

Zum besseren Verständnis und um sicherzustellen, dass die Aufgaben verstanden werden, sind für jeden Aufgabenbereich Übungsbeispiele mit Lösungsansätzen zu Beginn der eigentlichen Aufgabe vorgegeben. Diese weisen jedoch in der Regel einen massiv tieferen Schwierigkeitsgrad auf als die eigentlichen Testaufgaben. Auch der von GATEWAY angebotene Demo-Test entspricht nicht dem eigentlichen Niveau des Multichecks, sondern wird in einer vereinfachten Version angeboten, damit sich Testkandidaten/innen mit den Aufgabentypen vertraut machen können.

Testergebnis

Einige Tage nach der Prüfung erhält der Kandidat/die Kandidatin ein Zertifikat, das dann zu den Bewerbungsunterlagen hinzugefügt wird. Die Mehrheit der Lehrbetriebe verlangt ein Gesamtergebnis des Multichecks von mindestens 60 Prozent, wobei ein höherer Rang der Realität näherkommt. Es werden ebenso die einzelnen Kategorien bewertet.

Der prozentuale Rang setzt sich aus dem Vergleich mit allen am Test beteiligten Schülern der jeweiligen Berufsgruppe zusammen und wird somit über eine Häufigkeitsverteilung berechnet. Wenn beispielsweise 100 Schüler/innen am Test teilgenommen haben und ein/e Schüler/in ein Ergebnis von 60 Prozent erreicht hat, so haben 59 Schüler/innen ein schlechteres Ergebnis erzielt und 40 Prozent der Schüler ein besseres Ergebnis.